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Mit Smart Contracts und Blockchain in die Zukunft

Mit Smart Contracts und Blockchain in die Zukunft

Mit Smart Contracts und Blockchain in die Zukunft Mit Smart Contracts und Blockchain in die Zukunft

08. Juni 2021

Bernhard Haselbauer vom Trend Report, hat in der Exklusivbeilage des Handelsblattes vom 07.06.2021 ein Interview mit unserem Kollegen Gero Grebe zum Thema "Smart Contracts und Blockchain im B2B Kontext" durchgeführt, welches wir an dieser Stelle veröffentlichen.

Gero Grebe ist bei der internationalen Digitalagentur Valtech als „Director Product Strategy“ unter anderem für die Verfolgung von Trends – insbesondere im Hinblick auf den digitalen Kulturwandel – zuständig. Zudem ist er am Aufbau der hauseigenen R&DTochter „Valtech Future Studio“ beteiligt. In unserem Interview verrät er uns, welches Potenzial die Blockchain bietet und welche Vorteile „Smart Contracts“ mitbringen.

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Herr Grebe, wieviel Potential steckt für Unternehmen in der Blockchain und damit im Hinblick auf „Smart Contracts“?

Globale Lieferketten werden zerpflückt und neu zusammengesetzt. Es gibt neue Business Modelle und Machtverhältnisse verschieben sich zugunsten der Wertschaffenden. Unsere digitalisierte, globale Wirtschaft hat machtvolle Unternehmen hervorgebracht, welche Hoheit über Daten, Kundenzugriff oder Ökosystem-Plattformen haben. Ich glaube daran, dass viele dieser Machthaber durch kleine Schnipsel Code ersetzt werden. Mit Blockchain und Smart Contracts können Intermediäre aus der Kette entnommen und Herstellungskosten verringert werden. Spannend, nicht wahr?

Code Schnipsel ersetzen Unternehmen?

Stellen Sie sich vor, dass Transaktionen und Daten einer Lieferkette nicht mehr auf irgendeinem Server eines Unternehmens liegen, sondern auf Tausenden verteilten Computern, sicher verschlüsselt. Wenn sich alle Unternehmen daran beteiligen Ihre Transaktionen auf diese Art und Weise in eine Blockchain zu speichern, sind diese Daten vor jeglicher Manipulation sicher. Es gibt keine zentrale Datenbank und Datenhüter mehr. Auch kleine, kausale Funktionen, quasi automatisierte Abmachungen zwischen Parteien, können so gespeichert werden (Smart Contracts).

Wie verändert das die Zusammenarbeit von Unternehmen?

In globalen Lieferketten wird sich das Gefälle zwischen Mächtigen und Kleinen verringern. Unternehmen brauchen keine Angst zu haben, mit anderen zusammenzuarbeiten, weil keines mehr einen Vorteil durch die Hoheit über Daten haben wird. Blockchain-Transaktionen gehören niemandem und damit allen. Die privaten, sicherungswürdigen Informationen darin können nur von den rechtmäßigen Akteuren eingesehen werden. Smart Contracts sind off en lesbar und können nicht unabgestimmt geändert werden. Daher brauchen wir keine Treuhänder, häufig keine Versicherung
und keine Kontrolleure für einfache, automatisierte Abmachungen. Es wird zu einem „vertrauenslosen“ (englisch „trustless“) System, wo niemand sich gegenseitig miss- oder vertrauen muss, weil alle wissen, was passieren wird und passiert ist.

Würden Sie von einem „digitalen Kulturwandel“ sprechen?

Ja, der Kulturwandel heißt: Vom Verhandlungstisch zu Code. Unternehmen in einer Lieferkette müssen eben nicht mehr über Anwälte oder Drittunternehmen agieren, sondern gemeinsam ein kleines Stück Open Source Code schreiben: „Wenn A B getan hat, dann liefert C D.“ Man kann es so coden, dass keine kommerziellen Beträge offengelegt werden. Aber die Transparenz darüber, wie zusammengearbeitet wird, ist gegeben.

Welche Wettbewerbsvorteile können generiert werden?

Die größten Vorteile entstehen für diejenigen, die ihre Lieferkette verkürzen können, indem sie Intermediäre, Treuhänder, Vermittler nicht mehr bezahlen müssen. Transparenz ist in Zeiten von Nachhaltigkeit und Kreislaufökonomie auch für Endverbraucher von Vorteil. Bisher mussten sie sich auf traditionelle Kontrollinstanzen verlassen. Zukünftig können sie dem Code vertrauen. Dieser ist weder fälschbar noch belügbar.

Welche neuen Geschäftsmodell wären denkbar?

Mikroversicherungen ohne Versicherer. Ein Verkaufsportal wie Amazon, aber von Herstellern gemeinschaftlich geführt. E-commerce, bei dem keine persönlichen Kundendaten gespeichert werden. Musiker oder Autoren, die ihre Kunst direkt verkaufen und dabei Tantiemen ohne Verleger oder GEMA automatisiert ausgeschüttet bekommen. Weiterempfehlende Kunden werden zu Mitverdienern. Die Liste ist lang.

Und was sollten Unternehmer jetzt wagen?

Mittelgroße Unternehmen mit treuen Käufern profitieren am meisten, da sie die Großen, die daten-besitzenden Intermediäre ausbooten können. Die Großen wiederum erproben leicht panisch Ansätze wie sie trotz dezentralisierter Technologie in einer möglichst zentralen Rolle bleiben. Und die ganz kleinen, die Start-ups, rennen im Crypto Bereich bei den Risikogeldgebern gerade offene Türen ein. Unternehmer sollten sich überlegen, wo sie eine automatisierte Art der Zusammenarbeit einrichten können, die zuvor viel Abstimmung benötigte und geheim war. Das spart Kosten. Und Transparenz ist die neue Kundenanforderung.

Wie ist es um die neue digitale Sicherheit und Transparenz bestellt?

Die Sicherheit der Blockchain-Technologie in der einfachsten Form ist inzwischen sehr sicher. 10 Jahre lang hat es z.B. kein Hacker geschafft Bitcoin zu knacken, obwohl dort Milliarden Euro Anreiz bestehen. Etwas vorsichtiger wäre ich bei den Smart Contracts, weil dort neuer Code mit potenziell neuen Fehlern entstehen kann. Durch eine lange öffentliche Testphase mit Open Source Code, werden aber Schwachstellen ausgemerzt. Je transparenter, desto sicherer das gesamte System.

Also endlich Demokratie und „Power to the People“?

Noch würde ich in Deutschland sagen „Power to the small companies and producers”. Für den normalen Endverbraucher ist der Umgang mit Blockchain Technologie noch etwas umständlich. Das nehmen nur die Teile der Weltbevölkerung auf sich, die keinen Zugang zu Bankkonten, einfachsten Versicherungen haben oder unter Hyperinflation leiden. Dort gilt tatsächlich „Power to the People“. Bezüglich Demokratie: es geht hier nicht um Mitsprache- oder Wahlrecht. Dafür aber vielleicht um Gleichberechtigung: erhöhte Transparenz und Manipulationsschutz bewahrt schwächere Akteure vor Übergriffen (z.B. Musiker, Autoren, Bauern, kleine Hersteller).

Wie partizipieren die Kunden und wir alle von den neuen Technologien?

Abgesehen von wenigen, technik-affinen Vorreitern, interagieren die meisten Bürger Deutschlands nicht direkt mit der Blockchain. Möglicherweise aber indirekt. Wenn ich ein digitales Echtheitszertifikat erhalte oder ein individuelles Produkt vom Rohstoff bis Wohnzimmertisch verfolgen kann, dann habe ich sehr wahrscheinlich ein Stück Blockchain erlebt. Zum anderen werden wir als Kunden hoffentlich verstärkt durch geringere Preise an den Vorzügen der Blockchain partizipieren.

Welche Plattformen und Crypto-Netzwerke haben sich bereits positioniert?

Noch ist nicht klar welche Plattform der Gewinner sein wird. Am ehesten das bekannteste Smart Contract Netzwerk Ethereum. Vielleicht können Bitcoin und Bitcoin Cash trotz aktuellem Gegenwind zur Ökobilanz aufholen, ihre Marke melken und relevante Smart Contracts Funktionalität nachliefern. Sind es vielleicht andere Ansätze auf einer Ebene darunter, wie Polkadot, wo jeder seine eigene Blockchain in ein größeres Smart Contract System hineinbasteln kann? Bestehende Spezialisten wie VeChain, die bereits erfolgreiche Industriebeispiele vorzuzeigen haben? Oder Cardano mit hoher Marktkapitalisierung, Tezos, geliebt unter Künstlern, Chia, das grünste unter den Netzwerken?

Wo liegen die Risiken?

Unternehmen, die jetzt investieren, Code schreiben, Allianzen schmieden, könnten auf die falsche Plattform setzen. Es ist noch nicht klar, wer von wem überlebt wird. Wir stehen vor einer Entscheidungswelle wie bei der des Internets, wo uns noch Namen wie AOL, Netscape usw untergekommen sind. Auch sind die „Smart“ Contracts noch nicht sonderlich smart. Wenn automatisierende Code Schnipsel Unternehmen ersetzen sollen, ist ggf. etwas mehr Tiefe notwendig. Aber mit der Tiefe steigt auch die Fehleranfälligkeit und Hackbarkeit.

Welche Anforderungen werden an die Unternehmenskultur gestellt und welche Einstellung sollte mitgebracht werden?

Open Source schlägt proprietäres Handeln. Datenbesitz darf kein politisches Machtbestreben mehr sein. Transparenz zu dem, was zwischen Unternehmen passiert, muss ertragen werden (natürlich keine privaten, sicherheitsrelevanten oder kommerziellen Daten). Dass es für gewisse Player keine Daseinsberechtigung mehr gibt, dass ein automatischer Code-Schnipsel den Job eines Unternehmens macht, wird auf viel Widerstand stoßen.

Wie unterstützen Sie Ihre Kunden, die neuen Technologien zum Einsatz zu bringen?

Wir bringen vor allem das Verständnis, was möglich ist, zu unseren Kunden. Blockchain und Crypto ist ein sagenumwobenes Feld, wo es schwierig ist, durchzublicken. Da helfen wir unseren Kunden bis hin zu ersten Prototypen. Oder wir vernetzen verschiedene Kunden untereinander. Denn dies ist eine Technologie, die vor allem für den Austausch geeignet ist – nichts, was man als Unternehmen alleine in der Werkstatt zum Erfolg bringt.

Wann und wie schnell werden sich die neuen Technologien durchsetzen?

Es gibt ja nicht die eine Technologie wie bei 5G, die im Jahr X ausgerollt wird. Blockchain und Smart Contracts sind facettenreich. Crypto-Währungen setzen sich bereits in Hyperinflationsländern durch. In Deutschland sicher einige Jahre eher nicht. Lieferketten-Blockchains gibt es bereits und es werden stetig mehr, aber derzeit tänzeln noch alle um die potenzielle Gewinnerplattform herum, lassen das ernsthafte Innovationsbudget in der Tasche. Die meisten arbeiten versteckt, damit die Großen und Intermediäre nicht unnötig früh verärgert werden. Ich warte darauf, dass ein Durchbruch in der Customer Experience geschafft wird, um Blockchain furchtbar einfach für den Normalbürger zu machen und wir damit auf neuen Leveln der Datensicherheit schweben dürfen. Dann wird es plötzlich ganz schnell gehen. Aber es ist unklar, ob viele Bewegungen in 2, 5 oder 8 Jahren gleichzeitig passieren werden oder ob wir eines Tages feststellen, dass ja alles auf der Blockchain läuft – hat das jemand bemerkt?

Was wünschen Sie sich von der Politik und wie könnte eine sinnvolle Unterstützung im Kontext der Rahmenbedingungen aussehen?

Ich glaube, dass sich die Technologie von alleine durchsetzen muss. Ich befürchte sogar, dass die Regierung sich bedroht fühlen könnte: Verschlüsselte Daten, über Landesgrenzen hinweg, die sich nicht zensieren oder abstellen lassen, mit Alternativwährungen verbunden – das lässt manche Regierung Angst bekommen. Mein Wunsch ist es, dass die Politik sich ernsthaft mit den verheißungsvollen Möglichkeiten hinsichtlich Markttransparenz, Datenschutz und prozessualem Effizienzgewinn beschäftigt, statt sie aus Angstreflex sofort reglementieren zu wollen.

 

Die gesamte Ausgabe des Trend Reports finden Sie hier.

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